Fachliche Themen - Blog - Heileurythmie als Geisteswissenschaft.2

Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü:

Fortbildungsveranstaltung und neue Entwicklungen im Ausbildungsbereich

Herausgegeben von Beatrix Hachtel in Fachliche Themen · 14/5/2019 10:42:51
Tags: HeileurythmieAusbildungFortbildung


Fortbildungsveranstaltung und neue Entwicklungen
im Ausbildungsbereich




Der Berufsverband der Heileurythmisten in Deutschland (BVHE) beschäftigt sich seit einigen Jahren immer wieder intensiv mit der Frage der Heileurythmie-Ausbildungen. Nach den Buchveröffentlichungen von Prof. Dr. Peter Selg und mir in den vergangenen zwei Jahren steht die diesjährige Jahrestagung des BVHE vom 20. - 23 Juni 2019 in Dortmund unter dem Titel „Vergangenes erkennen – Zukunft wollen“, in dem wir in zwei abendfüllenden Vorträgen mit Aussprache das Tagungsthema mitgestalten. Die Tagungsveranstalter haben für die Darstellungen, die sich um die ursprünglichen Impulse Rudolf Steiners und die Entwicklung der Heileurythmie ranken werden, einen guten Zeitrahmen gesetzt und es steht zu erwarten, dass dies eine spannende Tagung werden wird, in der viele Dinge erstmals gesagt werden können, die jahrzehntelang nicht ausgesprochen werden durften oder nicht mehr gewusst wurden. Ergänzt wird der Abendvortrag am Freitagmorgen durch meine Arbeitsgruppe: „Schlüssel zu einer heileurythmischen Esoterik“, ein Thema, das in dieser Form meines Wissens nach bislang noch nicht im Rahmen einer Fortbildung angeboten wurde.

Die Fortbildung des Berufsverbands Heileurythmie steht dieses Jahr erstmals auch allen anderen Interessierten offen - damit können sich sowohl Ärzte und andere therapeutische Berufsgruppen als auch Laien und werdende Studenten der Eurythmie und Heileurythmie ein Bild der aktuellen Lage machen. Gerade für letztere mag das besonders wichtig sein, wie auch untenstehende Ausführungen noch zeigen.



  


















Darüber hinaus gab es im letzten Jahr einige spannende Entwicklungen, die ich für den Rundbrief des BVHE zusammengefasst habe und die dort in der Frühjahrsausgabe 2019 abgedruckt wurden (April 2019, S. 35-39. In der Ausgabe ist auch eine Rezension von dem vormaligen Sektionsleider der Redenden und Musizierenden Künste in Dornach, Werner Barfod, abgedruckt):



Wie weiter nach den Buchveröffentlichungen von P. Selg und B. Hachtel über die Anfänge der Heileurythmie?
Neue Entwicklungen im Ausbildungsbereich zwischen Veränderungs- und Beharrungswillen



Das Buch von Peter Selg hat unter den Heileurythmisten manches in Bewegung gebracht. In vielen KollegInnen hat es eine gewisse Erschütterung, aber auch Ratlosigkeit erzeugt und bis hinauf in Sektionskreise ist die Einsicht gewachsen, dass etwas verändert werden muss. Der Deutsche Berufsverband BVHE geht das Thema offensiv und in seinen Verbandstagungen auch unter Einbezug der Mitglieder an, ein Ansatz den ich sehr begrüße.

Waren viele führenden Heileurythmieausbilder vor einem Jahr noch der Ansicht, es müsse sich gar nichts verändern, weil man auf der Höhe der Zeit sei – zuletzt dokumentiert in der Rezension von Wilburg Keller Roth im letzten BVHE-Rundbrief (1) – überrascht nun die Ankündigung aus der Ausbilderkonferenz vom letzten November in Dornach, daß nun gleich 2 Heileurythmieausbildungen, die der Alanus-Hochschule und die ans Goetheanum angeschlossene in Aesch (vormals Dornach), grundlegend umgestellt werden sollen – weg von einer 1,5 Jahre dauernden Weiterbildung (die wir bislang alle haben) hin zu einer 5 jährigen, von vornherein zur Heileurythmie führenden Ausbildung mit staatlicher Berufsanerkennung. Man gesteht im Ausbilderkreis ein, daß die bisherige Ausbildungszeit für die Heileurythmie zu knapp bemessen ist  (2)  – und „ohne grosse Diskussion“ wird von Ausbilderseite her mit einem über viele Dekaden andauernden Tabu gebrochen – daß nämlich die Heileurythmie eine volle Kunstausbildung voraussetzt  (3). Man darf darin einen überfälligen, letztlich jedoch überraschenden Kurswechsel sehen.

Damit wird der Fokus endlich verstärkt auf die kognitive Seite der Ausbildungen gerichtet. Weiterhin übersehen wird jedoch, dass auch im Bereich der Bewegungsausbildung eine grundlegende Neubearbeitung benötigt wird. (Und das nicht nur, weil aufgrund der anderen Gewichtung der Kernkompetenzen - der Kognitiven im Verhältnis zu den Bewegungskompetenzen - dann kürzerer Zeit eine Umformung des Bewegungsorganismus erreicht werden soll).

Auch Peter Selgs Arbeit zeigt, wie wenig der Punkt der Bewegungsqualität auch heute noch verstanden wird. Dabei war sie auch in historischer Hinsicht DER Zankapfel überhaupt zwischen den beiden Sektionsleiterinnen Marie Steiner und Ita Wegman, und ist es bis heute zwischen den verschiedenen mit der Heileurythmie tätigen Berufsgruppen. Peter Selg fragt, was Marie Steiner dazu bewogen haben könnte, eine eigene Ausbildung aufzubauen. Immerhin war das 1930, also Jahre vor dem definitiven Ausschluss von Ita Wegman 1935. Ich kann seine Überlegung, dass sie versuchen wollte, eine eigene Sektion aufzubauen, aus meiner eigenen Forschung weder bestätigen noch widerlegen, aber ich glaube nicht, dass das der eigentliche Faktor war. Denn aus der Korrespondenz von Marie Steiner, Elisabeth Baumann und Erna von Deventer (Korrespondenz, die Peter Selg in Teilen auch zitiert), geht eindeutig die Bestürzung hervor, wie wenig das, was von Seiten der in Arlesheim ausgebildeten Menschen ausgeführt wurde, noch einer eurythmischen Bewegung gleicht! Auch wenn heute vielfach ein Bewusstsein vorhanden ist, warum ein Eurythmist anders bewegt und bewegen sollte, und warum das eine so lange Ausbildungszeit braucht, kann die Thematik – leider auch von Eurythmieausbildern - oft nicht gut reflektiert und kognitiv erklärt werden. Auch unseren mittlerweile „alten“ Ausbilder wurden ja – wie die meisten von uns - über die Jahrzehnte andauernde Praxis, die Nachahmung der grossen Lehrer, unterrichtet. Es gibt jedoch ein unbewusstes, aber tiefverwurzeltes Unbehagen in vielen Eurythmisten, die in ihrer Bewegungsform nicht nur die esoterische Quelle des Berufs erleben, sondern darin auch den Quell für die Wirksamkeit ihrer Arbeit sehen – gerade auch der heileurythmischen Arbeit.
Nun zeigen sich in den Reaktionen auf Peter Selgs Arbeit auch eine Schwäche derselben, denn seine Darstellung kann ein Missverständnis erzeugen: daß nämlich die Heileurythmie den Pflegekräften und Heilpädagogen anvertraut worden sei, wie Dr. Ingrid Röcklein und Isabel Martin in ihrer Rezension interpretieren (4). Tatsächlich war das nur während eines verhältnismäßig kurzen Zeitraums (1925-1929) der Fall, und das aus einem bestimmten Grund: Bis zum Ende der zwanziger Jahre gab es außerhalb der Arlesheimer Klinik keine Handvoll tätiger Heileurythmisten, aber mehrere Kliniken und therapeutische Einrichtungen, die dringend bei beiden Sektionen nach Heileurythmisten anfragten. Man erlebte in Arlesheim die Kraft der Therapie und wollte sie weiter aufbauen – aber es gab niemand, der sie ausüben konnte resp. wollte, denn es bestand gerade unter den – überwiegend auf der Bühne tätigen - Eurythmisten schlicht kein Interesse an dem Beruf. Aus der erlebten Not heraus wurde dann eben dieses versucht, die Heilpädagogen oder Therapeuten entweder in einzelne Übungen für bestimmte heilpädagogisch zu betreuende Kinder einzuweisen, oder sie eben weitergehend auszubilden. Dass das nicht zum Ziel führte, merkte man in Arlesheim bald selbst, was dazu führte, daß zwischen Ita Wegman und Marie Steiner 1929 auch ohne Schwierigkeiten vereinbart werden konnte, eine 2-jährige Eurythmieausbildung voraus zu setzen.

Das Risiko besteht, das wir das Pendel nun einseitig nur in Richtung einer zu erweiternden kognitiven Ausbildung ausschlagen lassen und damit die Geschichte wiederholen, indem wir dieselben historischen Konflikte produzieren. Stattdessen müssen wir die Notwendigkeit beider Kernkompetenzen sehen und entsprechend ausbilden! Denn am Ende muss man sagen: beide Sektionsleiterinnen hatten recht, Marie Steiner und Ita Wegman. Die Konsequenz daraus ist aber schmerzlich für alle, die mit der Heileurythmie arbeiten möchten, denn sie bedeutet eine wesentliche Erweiterung des Kompetenzprofils eines jeden, der nach gegenwärtiger Ausbildungslage mit dieser spirituellen Heilmethode arbeiten möchte. Den Heileurythmisten fehlen wesentliche Kernkompetenzen im kognitiven Bereich, und den Ärzten solche in ihrem Bewegungsprofil. Diese Realisierung ist Teil der Ablehnung der jeweils anderen Position, und das auf beiden Seiten. Statt die Kompetenzprofile auf beiden Seiten jedoch weiter herunter zu schrauben und damit den Beruf weiter zu verwässern, müsste man – zumindest insofern man sich auf Rudolf Steiner berufen möchte – das Gegenteil tun und die Kernkompetenzen der Notwendigkeit gemäß eingestehen und entsprechend ausbilden. Dann gäbe es langfristig die Möglichkeit, den Beruf seinem ganzen Potential nach wirksam werden zu lassen. Darin liegt meiner Ansicht nach heute die entscheidende Aufgabe. Zur Weiterentwicklung des Berufes, im Spannungsfeld zwischen „esoterischer Bewegungskunst“ und „therapeutischer Heilmethode für den Arzt“, sind beide Aspekte notwendig und könnten zu einer Kulmination statt einer neuerlichen Spaltung der Berufsgruppen führen. Liest man Rudolf Steiner genau, wird man auch sehen, dass das in seinem Sinne war (5).  (Dass zur Ausübung der Heileurythmie eine praktische Kenntnis der Eurythmie ihrer ganzen Grundlagen nach gehört – und zwar auch für Ärzte, habe ich in meiner Arbeit anhand der chronologischen Betrachtung von Rudolf Steiners Aussagen nachgewiesen (6) )


„Esoterischer Bewegungsansatz“?

Wir kennen alle Rudolf Steiners methodischer Ansatz: „Lernen Sie empfinden“. Dieser bedarf sowohl der Entwicklung des Leibesempfindens, ein Heben und Entwickeln des inneren Gefühls- und Empfindungslebens in Haltung, Bewegung, Laut und Ton, und ein bewusstes Erfassen desselben. Das gilt zwar bereits für die Kunsteurythmie, wird in der Heileurythmie jedoch zur Notwendigkeit. Lorys Vorbereitungszeit mit den entsprechenden Übungsaufgaben von 1911 bis 1912 kann als „spirituelle Konstitutionsbildung“ verstanden werden, die auch ein bewusstes Reflektieren einschloss. Durch diese Vorbereitungszeit und spätere Methodik Steiners wurden Leiblichkeit und Bewegung so zubereitet, daß sie eine Grundlage für die Inkarnation der Logoskräfte in der Bewegung werden konnten und können (denn dadurch unterscheidet sich die Heileurythmie von der Gymnastik). In den Kunsteurythmie-Ausbildungen wurde und wird dieser Ansatz oft weder gepflegt noch verstanden, man tradiert stattdessen durch das Nachahmungsprinzip die Bewegungsqualität der Ausbildungsgründer weiter fort. Weil das so ist, gibt es auch unter vielen Kunsteurythmie-Ausbildern nur einen empfindungsmässigen Eindruck der Problematik hinsichtlich der Bewegungsqualität resp. ihres Fehlens. Aus der Eurythmie-Meditation ist zwar die Kulmination dieses Ansatzes des „lernen Sie empfinden“ bekannt, sie wird aber nicht konsequent mit dem eigenen Bewegungsempfinden als GRUNDLAGE einer wirksamen Bewegung verbunden. Man hält diese Berufsmeditation eben für eine rein im geistigen verlaufenden Meditation und nicht für einen Arbeitsaufruf.
Die Quelle dessen, worum es sich hier handelt, finden sich in dem sehr empfehlenswerten neu erschienenen Buch von Erdmut Hoerner, „Der Goetheanismus und die Wiedergewinnung der Trinität. Ein urchristlicher Impuls“ (7). In diesem findet sich das Kapitel findet „Christus, der Lehrer der reinen Wahrnehmung“. Auf diesen Quellort verweist Rudolf Steiner, wenn er Lory hinsichtlich ihrer eigenen Bewegung die Aufgabenstellung gibt: „Lernen Sie empfinden“ (8).

Von Ausbilderseite her erlebe ich bislang kein wirkliches Interesse, an diesen Themen zu arbeiten, dazu würde beispielsweise auch eine Erarbeitung der Bewegungsansätze unter Hochschulgesichtspunkten gehören (siehe dazu das entsprechende Kapitel in meinem Buch (9)). Die aktuelle Entwicklung bereitet mir die Sorge, dass wir in der Aussenwelt einen Fehler wiederholen, der wieder zu denselben, aus der Historie nun bekannten Auseinandersetzungen führen wird, weil wir unsere Quellen nicht mehr kennen.

Was können wir tun? In der Eurythmie gibt es unterschiedliche Strömungen und Bewegungsansätze, die auf die verschiedenen Ausbildungen zurück gehen. Meine Idee ist, mit Kollegen, die einen eigenen und bewussten Umgang mit dieser Thematik pflegen, die die Notwendigkeit der Thematik sehen und daran Interesse haben, zu versuchen, diesen Punkt der Bewegungsesoterik in den Mittelpunkt der Betrachtung zu stellen. Der Kreis könnte versuchen, sich in einem ersten Schritt gegenseitig die jeweils eigene Arbeitsmethodik nahe zu bringen. Man darf hoffen, dass der Versuch, sich auf diese Bewegungsesoterik zu richten, ein neues verbindendes Element zwischen den divergierenden Ansichtsparteien sein kann, und zwischen denen, die auf diesem Feld suchen, auch zu einer Überwindung oder zumindest zur Toleranz der aktuell bestehenden Gegensätze führen könnte. Sollte eine solche keimhafte Arbeit zu Stande kommen, könnten die Ergebnisse dann in einem größeren Rahmen vorgestellt werden. (Wer sich hier angesprochen fühlt, möge doch bitte mit mir Kontakt aufnehmen).

Auf der kommenden Jahrestagung des Berufsverbandes in Dortmund werde ich mich in der morgendlichen Arbeitsgruppe zusammen mit den Teilnehmern mit dieser Fragestellung weiter beschäftigen.

_____________________________

(1) Rundbrief des Berufsverbandes Heileurythmie, November 2018, S. 38-43
(2) Rundbrief des Berufsverbandes Heileurythmie, November 2018, S. 19
(3)   Mehr dazu auf der Website der Heileurythmieausbildung Aesch: http://heileurythmie-ausbildung.ch/ausbildung-grundstaendig/
(4)  Dr. Ingrid Röcklein, Isabel Martin, Der Kampf um die Heileurythmie – Rezension – . Rundbrief des Berufsverbandes Heileurythmie, November 2018, S. 47-48
(5)  Beatrix Hachtel, Heileurythmie als Geisteswissenschaft, Berlin 2017, S. 289 – 297
(6)   Beatrix Hachtel, Heileurythmie als Geisteswissenschaft, Berlin 2017, S. 296f
(7)  Erdmut-Michael Hoerner, Der Goetheanismus und die Wiedergewinnung der Trinität. Ein urchristlicher Impuls. 1. Auflage 2018 , ISBN 978-3-8251-5103-4, Verlag Urachhaus
(8)  Umfangreich wurde dieser Aspekt in dem Kapitel „Elisabeth Baumann und die Anfänge der Eurythmie“ ausgearbeitet. Beatrix Hachtel, Heileurythmie als Geisteswissenschaft, Berlin 2017, S. 25-60
(9)   Beatrix Hachtel, Heileurythmie als Geisteswissenschaft, Berlin 2017, S. 398-409





Peter Selg, "Der Kampf um die Heileurythmie"

Herausgegeben von Beatrix Hachtel in Fachliche Themen · 8/8/2018 22:35:24



Zur Neuerscheinung von Peter Selg:
„Der Kampf um die Heileurythmie

im Spannungsfeld von therapeutischer Gemeinschaft, Anthroposophischer Gesellschaft und Hochschule“



Prof. Dr. med. Peter Selg, Leiter des Ita Wegman Instituts in Arlesheim, hat zu meiner grossen Überraschung und Freude die historische Seite der Entwicklung der Heileurythmie dargestellt und mit Dokumenten untermauert. Damit ist meine Arbeit „Heileurythmie als Geisteswissenschaft“, die in Fachkreisen zu Diskussionen und Aufregung geführt hat, von berufener und kompetenter Seite ergänzt worden.

Der Buchtitel deutet auf die Dramatik der Ereignisse hin, in die die Heileurythmie in den dreissiger Jahren des letzten Jahrhunderts durch die grossen Konflikte zwischen Ita Wegman und Marie Steiner geraten ist und in dem nachfolgenden Gesellschaftskonflikt nahezu ganz aufgerieben wurde. Selg ist damit ein grosser Wurf gelungen, der die Entstehung der Heileurythmie und ihre inhaltliche Erarbeitung und Ausbreitung in den ersten Jahren ihres Bestehens umfangreich beleuchtet.

Seine Darstellungen umfassen die Zeit, über die auch ich selber für die Historie bereits recherchiert hatte. Da die ausführlichere Darstellung der Thematik ursprünglich für die (in den letzten Jahren vom Fachbereich Heileurythmie in der Medizinischen Sektion auf Eis gelegte) Historie zur Heileurythmie vorgesehen war, habe ich in meinem Buch nur die zum Verständnis unserer Lage unbedingt notwendigen Linien skizziert. Es ist mir nun eine grosse Freude zu sehen, dass Peter Selg sich des Themas angenommen hat, und zu erleben, wie ein kompetenter und renommierter Autor das historische Material ordnet und präsentiert, das ich im Rahmen meiner Recherchen zum grössten Teil ebenfalls gefunden und in einem ersten Schritt bearbeitet hatte.

Was Peter Selg hier vorlegt, ist – anders als der Klappentext das vermuten lässt – nicht nur eine Darstellung der verschiedenen historischen Konfliktlinien, sondern eine umfangreiche Dokumentation zur Geschichte der Heileurythmie und ihrer Entwicklung. Sie deckt die Zeit bis in die vierziger Jahre des letzten Jahrhunderts mit nur wenigen Ausnahmen nahezu vollständig ab. Mit diesem Buch liegt somit ein detailliertes Bild der Geschichte und Ausbreitung der Heileurythmie aus den ersten Entstehungsjahren vor und bildet damit die notwendige Ergänzung zu meiner berufsfachlichen Arbeit.

Die Darstellungen und die Publikation des Briefwechsels zwischen Marie Steiner und Ita Wegman und auch anderen Beteiligten wie Elisabeth Baumann und Erna van Deventer, machen vieles verständlich, was wir heute als traditionelle Überzeugung vorfinden und was zum grossen Teil nie hinterfragt worden ist. Den meisten Kollegen ist wohl bewusst, dass die überlieferten Ansichten zu manchem im Widerspruch stehen, was Rudolf Steiner selbst zu dem einen oder anderen Thema gesagt hat, insbesondere was Ausbildungsfragen betrifft. – Das vergangene Jahr zeigte, dass vielerorts die Kraft fehlt, sich diesen offensichtlich tief verwurzelten und auf traditionellen Überlieferungen beruhenden Überzeugungen gegenüberzustellen und sie auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen. Unter diesem Aspekt spricht dieses Buch eine unmissverständliche Sprache. Es ist zu hoffen, dass die an manchen Stellen durch ihre Deutlichkeit erschütternd wirkenden Zeitzeugnisse zu einer Katharsis und einer Neubesinnung führen werden. Mit dem Buch von Selg und meiner Arbeit liegen nun Beurteilungsgrundlagen vor, die für die Ausbildungsfragen und berufliche Praxis als relevant erachtet werden müssen.

Jenen Kollegen, die den Beruf, die Eurythmisten und Therapeuten und die historischen Hintergründe zu unserer heutigen Lage besser verstehen möchten, ist dieses Buch unbedingt zu empfehlen, es ist ein „Muss“. Der Buchtitel übertreibt nicht.





Tagungebericht Fachtagung Februar 2018

Herausgegeben von Beatrix Hachtel in Fachliche Themen · 19/3/2018 23:16:58


WAS IST HEILEURYTHMIE, WAS IST EURYTHMIE? – GEISTESWISSENSCHAFT?

Ein kurzer Bericht über die Tagung vom Februar 2018 im Studentenwohnheim am Goetheanum


Diese Tagung drehte sich um meine letzte Buchveröffentlichung, "Heileurythmie als Geisteswissenschaft". Meine Studien über die Anfangszeit der Eurythmie und Heileurythmie – zum einen in den verschiedenen Archiven, zum anderen anhand von bis dahin mir völlig unbekannten Angaben Rudolf Steiners – hatten mir eine intensive „zweite Lehrzeit“ beschert, die meinen eigenen Blick auf meinen Beruf grundlegend revolutionierte und mein bisheriges professionelles Weltbild ziemlich ins Wanken gebracht hat. Das im September vorgelegte, mit 444 grossformatigen Seiten sehr umfangreiche Buch bearbeitet eine Fülle von Themen aus der Anfangszeit der Eurythmie und Heileurythmie unter dem Gesichtspunkt, was Rudolf Steiner zu verschiedenen Themen wirklich gesagt hat, welche Angaben er machte, wie er die frühen Eurythmisten und insbesondere Heileurythmisten persönlich geführt hat. Das Resultat ist eine ganz neue Sichtweise auf das, was ein Heileurythmist wissen und können sollte, wie seine Zusammenarbeit mit dem Arzt aussehen kann und welche Folgen das für einen Ausbildungsgang hat.

Nachdem sich bereits ein Teil der Ausbilder mehr oder weniger intensiv mit dem Buch beschäftigt hat, fand nun letztes Wochenende eine Art „Übersichtstagung“ zu dieser Thematik statt, um auch jenen Kollegen einen Einblick zu verschaffen, die alleine schon aus Zeitgründen nicht in der Lage sind, ein derart umfangreiches Buch zur Kenntnis zu nehmen, geschweige denn gründlich durchzuarbeiten. Und die spannende Frage war: was hält denn nun der Kollegenkreis von diesen Ausführungen – sind sie nachvollziehbar? Werden die sehr ungewohnten Übansätze angenommen, die dem Zweck dienten, den eigenen jahrzehntelang geschulten professionellen Ätherleib auszutricksen um sich noch einmal ganz neu und von vorne beginnend auf die Anfangszeit der Eurythmie und die spezifische Wirksamkeit der ersten Angaben Rudolf Steiners einlassen zu können? Wie würden die Kollegen auf die Fundstellen reagieren, die starke Hinweise dazu geben, dass sich in der Praxis der heileurythmischen Lautausübung Verschiebungen eingestellt haben, die möglicherweise die Wirksamkeit einzelner Übungen verändern? Gelingt es, mit den Kollegen auf der einen Seite einen wahrnehmendem, auf der anderen Seite einen denkerischen Ansatz zu den eurythmischen Bewegungen zu finden, oder sitzt die 80-jährige Überzeugung, die Eurythmie und damit auch die Heileurythmie sei eine Kunst, so tief, dass sie jede neue Fragestellung verhindert? Mit diesen und vielen weiteren Fragen gingen wir – auch Werner Barfod (vormaliger Sektionsleiter der redenden musizierende Künste und langjähriger Ausbildungsleiter in Den Haag) und Ronald Templeton (Waldorflehrer und Zweigleiter am Goetheanum) waren mit von der Partie – in das Wochenende. Und: es wurde toll, eine inhaltlich volle, runde Tagung, in der nur eines immer zu kurz kam: die Zeit selber... wir brauchen mehr Zeit!

Umrahmt vom musikalischen Können von Stephan Beer, der mit seinem Cello jeweils zu Beginn der Vorträge einen wunderbaren Herzraum eröffnen konnte, arbeiteten wir uns durch die verschiedenen Biografien der ersten Heileurythmistinnen und die Fragestellungen, mit denen sie an Rudolf Steiner herangetreten waren oder die Rudolf Steiner in ihnen angeregt hatte. Die Naturbeobachtungen konnten wir am späten Nachmittag im Schneefall an einem Obstbaum im Garten des Studentenwohnheims am Goetheanum machen, unter dem bereits ein ganzer Teppich an Schneeglöckchen blühte. „Baum im Winter“ – es ist beeindruckend, wie viel man von eurythmischer Seite her alleine schon an einem kahlen Baum und seinem Baumstamm sehen kann, obwohl noch nichts wächst, der Frühling noch nicht begonnen hat, die Vegetationsperiode noch Pause hat! Wenige Meter weiter, in benutzerfreundlicher Höhe von nur 2 m, beehrt das "Gegenteil" einen Baum: eine grünende, blühende und fruchtende Mistel, in runden Büschen voller Leben an den Bäumen hängend. Was Mistel ist – unser Krebsheilmittel – versteht man eigentlich erst, wenn man einmal den Baum im Winter studiert hat, und dann zum selben Zeitpunkt das blühende und fruchtende Leben der Mistel entdeckt! Hier waren uns also gute Geister hold, dass die Auswahl der Goetheanum-Raumplanung uns gerade das Studentenwohnheim zugeteilt haben!

Die freien Aussprachen am Samstagabend und Sonntag brachten dann auch in keiner Weise irgendeine Form von Ablehnung oder Reserviertheit. Eine Teilnehmerin sagte zu mir spontan im Türrahmen: „Das ist ein wirklicher Neuanfang“. Eine andere Teilnehmerin, die selber intensiv mit Ausbildungsfragen beschäftigt war, sagte dazu: „Das ist ein Keim für ein neues Verständnis“.

Ein Tagungsbericht wurde inzwischen von Ursula Adolf im Rundbrief des deutschen Heileurythmie-Berufsverbandes BVHE vom April 2018 veröffentlicht.

Wir werden sehen, was sich als weiterer Keim aus dieser ersten Wochenendtagung an Initiativen entfalten wird. Ich schaue dankbar in die Zukunft und danke allen Mitstreitern!





Neue Entwicklungen

Herausgegeben von Beatrix Hachtel in Fachliche Themen · 1/12/2017 00:13:11
Tags: HeileurythmieAusbildung


Neue Entwicklungen


Knapp drei Monate ist es jetzt her, dass mein neuestes Werk, „Heileurythmie als Geisteswissenschaft“, erschienen ist. In der Zwischenzeit kommen bereits Rückmeldungen von Menschen, die das Buch im Ganzen studiert haben – welch eine Leistung!
An dem Buch war ja zwei Jahre in Stille gearbeitet worden und kaum jemand wusste von seiner Existenz. Insofern war seine Erscheinung für Kollegen und Fachverbände eine Überraschung und hat zum Teil auch für Verwirrung gesorgt. Daher soll an dieser Stelle ein kurzes Update für einen Überblick sorgen, was in der Zwischenzeit an welchem Ort im Zusammenhang mit diesem Buch entstanden ist.

Da ich vor einiger Zeit unter anderem auch an der Historie zu Heileurythmie gearbeitet hatte, entstand schnell die Frage, ob es sich hierbei um diese Historie handelt (Antwort: Nein, tut es nicht) bzw. wie sich diese beiden Bücher zueinander verhalten. Eine umfangreiche Antwort dazu wurde im Rundbrief des Berufsverbands Heileurythmie veröffentlicht:
Beatrix Hachtel, Heileurythmie als Geisteswissenschaft – Etwas zur Entstehungsgeschichte des neu erschienenen Buches, Rundbrief des Berufsverbandes Heileurythmie, Oktober 2017, S. 46-48

Auch die anthroposophische Zeitschrift Info3 hat sich des Themas angenommen. Im in der November-Ausgabe ist ein Interview von Laura Krautkrämer mit mir abgedruckt. Darin geht es um die historische Entwicklung innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft und ihre Folgen für die Heileurythmieausbildung, die neuen Entdeckungen aus meiner historisch-fachlichen Recherche und die Frage, was das für die Zukunft bedeuten könnte. Das Novemberheft mit dem Titel "Vom Leben und Sterben" ist sehr berührend und kann im Übrigen nur sehr empfohlen werden.
Laura Krautkrämer, Beatrix Hachtel: Grabenkämpfe überwinden, Info3, November 2017, S. 48-50

Unter den Heileurythmie-Ausbildern wird das Buch im Moment kontrovers betrachtet, weil natürlich die Konsequenzen für die gegenwärtigen Ausbildungsgänge unmittelbar sichtbar werden. Sollten sich die Gedankengänge in dieser Arbeit, die umfangreich auf erst in den 60ger Jahren veröffentlichten Angaben Rudolf Steiners aufbauen (also 40 Jahre nach der Traditionsbildung), als haltbar erweisen und bestätigen, wären die Konsequenzen für die Ausbildungen weitreichend. Es bleibt also spannend und man muss abwarten, ob zu dieser Arbeit ein fachlicher Diskurs entsteht. Über die Entwicklung wird hier auf der Website weiter auf dem Laufenden gehalten. Im Ausbilderkreis ist dazu die Frage entstanden, wo dieser Diskurs am besten geführt werden kann. Vorgeschlagen wurde, dass auf der Website des Forums Heileurythmie zu tun. Dazu müsste jedoch erst ein jedem zugänglicher Bereich geschaffen werden. Bis es soweit ist, wird meine Website als Informationsquelle dienen und Kollegen sind eingeladen, ihre Gedanken, Fragen und Feedbacks an mich einzusenden.

Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es eine Fachfrage, die Kaspar Zett, Leiter der Schweizer Heileurythmieausbildung in Aesch, aufgeworfen hat: die Tätigkeit des „sich selber Abfotografierens“ während des Bewegens des Konsonanten oder am Ende des Bewegens ausgeführt? Ein erstes kurzes Gespräch hat gezeigt, dass beide Ansätze möglich scheinen, eine Klärung aber einer vertieften Studienarbeit bedarf. Wer sich für diese Fragestellung interessiert, meldet sich am besten bei Kaspar Zett direkt.


Die Druck- und Fehlerteufelchen….
sie haben auch in dieser Arbeit zugeschlagen, und einige Dinge müssen korrigiert werden.

S. 244: die Lautreihe muss natürlich TSRMA heissen, ein Dank an Kaspar Zett, der es bemerkt hat.
S. 362: die Zusammenfassung bezieht sich auf die Ausbildungen im deutschsprachigen Raum
S. 363: in dem Satz zu der Heileurythmieausbildung von Felix Wilde ist ein „lange“ weggefallen. Der Satz muss natürlich heissen: „… lange nicht anerkannt wurde“. Ein Dank an Helmut Eicher, dem dieser unangenehme Fehler aufgefallen ist: die Ausbildung ist natürlich inzwischen seit vielen Jahren von der Medizinischen Sektion am Goetheanum anerkannt.
S. 367: Chile, nicht Argentinien – ein Dank an Norman Kingeter, der den Irrtum bemerkt hat.


Zur Lieferbarkeit des Titels:
Wer sich mit dem Gedanken trägt, sich dieses Buch zu Weihnachten schenken zu lassen oder andere liebe Menschen damit beglücken zu wollen, beachte die Lieferfristen: Gerade in der Vorweihnachtszeit kann es für die Verlage im BoD-Bereich eng werden, was Druck und Auslieferung betrifft. Ich kann nur empfehlen, das Buch so früh als möglich zu bestellen oder ansonsten zu recherchieren, wer es möglicherweise noch vorrätig hat und verschicken kann.

In den nächsten Tagen werde ich eine erste kleine Leseprobe freischalten und wünsche damit viel Vergnügen: Zum Vorwort, das bereits einen tieferen Einblick gibt, geht es hier, auch das Inhaltsverzeichnis ist mittlerweile dort zu finden:







Buchveröffentlichung: Heileurythmie als Geisteswissenschaft

Herausgegeben von Beatrix Hachtel in Fachliche Themen · 28/8/2017 15:37:42









Neuerscheinung!

























Beatrix Hachtel (Autorin der „Bibliographie Heileurythmie“)

Heileurythmie als Geisteswissenschaft
Wege zu einer neuen Ausbildung
               
Grossformatige Hardcover-Ausgabe, 444 S. mit 24 Farbseiten
                 
Pro-Business Verlag, Berlin 2017
ISBN:         978-3-86460-750-9



Covertext:

Vom "Lernen Sie empfinden ..." zu den grossen Strömungen der Menschheit: ein neuer Blick auf die esoterischen Quellen und praktischen Aufgaben der Eurythmie und Heileurythmie.

Viele Fragen, mit denen Eurythmisten und Heileurythmisten heute ringen und die bislang nur zum Teil verstanden worden sind, erhalten neue und unerwartete Perspektiven, wenn man beginnt, die Anfangszeit der Eurythmie und Heileurythmie in fachlicher Hinsicht zu untersuchen. Unter Einbezug der historischen Entwicklung wird Rudolf Steiners Methodik nachgegangen, mit der er die Eurythmie und Heileurythmie veranlagt hat. Man entdeckt, welche Aufgabenstellungen Steiner den ersten Heileurythmistinnen auf den Weg mitgegeben hat. Elisabeth Baumann, Erna van Deventer und Margarete Kirchner-Bockholt repräsentieren drei verschiedene Wege, sich der Heileurythmie zu nähern. Rudolf Steiners Begleitung dieser Menschen zeichnet ein völlig neues Bild von den Aufgabenfeldern und Kernkompetenzen der Heileurythmisten, welches die bisher bekannte traditionelle Betrachtungsweise wesentlich erweitert. Dabei zeigen sich Perspektiven, die die divergierenden Ansichten und Strömungen der mit der Heileurythmie arbeitenden Berufsgruppen zu einem übergeordneten Ganzen zusammenfügen.
In dieser Arbeit wird durch einen Rückblick auf die Anfänge der Eurythmie und Heileurythmie ein Ansatz zu einer grundlegenden Erneuerung aufgezeigt. Die Studie geht anhand der historischen Entwicklung Fragen zum Bewegungsansatz des Eurythmisten nach, stellt neue Erkenntnisse zur Ausführung der heileurythmischen Laute vor und führt zu einer Neubewertung der Methodik für eine eurythmische Schulung. Konkret mündet dies in den Vorschlag eines neuen Ausbildungs-Curriculums.

Der Blick wird auf die Heileurythmie als Heilkunst des Logos gerichtet, dessen Spuren durch verschiedene Wirklichkeitsebenen nachgezeichnet werden. Dabei zeigt sich ein Weg zu den esoterischen Quellen des Berufs und zu einem Bewegungsansatz, der eine deutliche Beziehung zu den Mantren der ersten Klasse der Freien Hochschule erkennen lässt.
Betrachtungen zu einzelnen Grundübungen ermöglichen Studenten und bereits beruflich tätigen Eurythmisten und Heileurythmisten, ihre Bewegungsansätze bewusst zu erweitern. Ein Kapitel zu den verschiedenen Forschungsansätzen in der Heileurythmie und eine thematische Zusammenstellung der veröffentlichten wissenschaftlichen Arbeiten runden die Arbeit ab.




Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü