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Fortbildungsveranstaltung und neue Entwicklungen im Ausbildungsbereich

Herausgegeben von Beatrix Hachtel in Fachliche Themen · 14/5/2019 10:42:51
Tags: HeileurythmieAusbildungFortbildung


Fortbildungsveranstaltung und neue Entwicklungen
im Ausbildungsbereich




Der Berufsverband der Heileurythmisten in Deutschland (BVHE) beschäftigt sich seit einigen Jahren immer wieder intensiv mit der Frage der Heileurythmie-Ausbildungen. Nach den Buchveröffentlichungen von Prof. Dr. Peter Selg und mir in den vergangenen zwei Jahren steht die diesjährige Jahrestagung des BVHE vom 20. - 23 Juni 2019 in Dortmund unter dem Titel „Vergangenes erkennen – Zukunft wollen“, in dem wir in zwei abendfüllenden Vorträgen mit Aussprache das Tagungsthema mitgestalten. Die Tagungsveranstalter haben für die Darstellungen, die sich um die ursprünglichen Impulse Rudolf Steiners und die Entwicklung der Heileurythmie ranken werden, einen guten Zeitrahmen gesetzt und es steht zu erwarten, dass dies eine spannende Tagung werden wird, in der viele Dinge erstmals gesagt werden können, die jahrzehntelang nicht ausgesprochen werden durften oder nicht mehr gewusst wurden. Ergänzt wird der Abendvortrag am Freitagmorgen durch meine Arbeitsgruppe: „Schlüssel zu einer heileurythmischen Esoterik“, ein Thema, das in dieser Form meines Wissens nach bislang noch nicht im Rahmen einer Fortbildung angeboten wurde.

Die Fortbildung des Berufsverbands Heileurythmie steht dieses Jahr erstmals auch allen anderen Interessierten offen - damit können sich sowohl Ärzte und andere therapeutische Berufsgruppen als auch Laien und werdende Studenten der Eurythmie und Heileurythmie ein Bild der aktuellen Lage machen. Gerade für letztere mag das besonders wichtig sein, wie auch untenstehende Ausführungen noch zeigen.



  


















Darüber hinaus gab es im letzten Jahr einige spannende Entwicklungen, die ich für den Rundbrief des BVHE zusammengefasst habe und die dort in der Frühjahrsausgabe 2019 abgedruckt wurden (April 2019, S. 35-39. In der Ausgabe ist auch eine Rezension von dem vormaligen Sektionsleider der Redenden und Musizierenden Künste in Dornach, Werner Barfod, abgedruckt):



Wie weiter nach den Buchveröffentlichungen von P. Selg und B. Hachtel über die Anfänge der Heileurythmie?
Neue Entwicklungen im Ausbildungsbereich zwischen Veränderungs- und Beharrungswillen



Das Buch von Peter Selg hat unter den Heileurythmisten manches in Bewegung gebracht. In vielen KollegInnen hat es eine gewisse Erschütterung, aber auch Ratlosigkeit erzeugt und bis hinauf in Sektionskreise ist die Einsicht gewachsen, dass etwas verändert werden muss. Der Deutsche Berufsverband BVHE geht das Thema offensiv und in seinen Verbandstagungen auch unter Einbezug der Mitglieder an, ein Ansatz den ich sehr begrüße.

Waren viele führenden Heileurythmieausbilder vor einem Jahr noch der Ansicht, es müsse sich gar nichts verändern, weil man auf der Höhe der Zeit sei – zuletzt dokumentiert in der Rezension von Wilburg Keller Roth im letzten BVHE-Rundbrief (1) – überrascht nun die Ankündigung aus der Ausbilderkonferenz vom letzten November in Dornach, daß nun gleich 2 Heileurythmieausbildungen, die der Alanus-Hochschule und die ans Goetheanum angeschlossene in Aesch (vormals Dornach), grundlegend umgestellt werden sollen – weg von einer 1,5 Jahre dauernden Weiterbildung (die wir bislang alle haben) hin zu einer 5 jährigen, von vornherein zur Heileurythmie führenden Ausbildung mit staatlicher Berufsanerkennung. Man gesteht im Ausbilderkreis ein, daß die bisherige Ausbildungszeit für die Heileurythmie zu knapp bemessen ist  (2)  – und „ohne grosse Diskussion“ wird von Ausbilderseite her mit einem über viele Dekaden andauernden Tabu gebrochen – daß nämlich die Heileurythmie eine volle Kunstausbildung voraussetzt  (3). Man darf darin einen überfälligen, letztlich jedoch überraschenden Kurswechsel sehen.

Damit wird der Fokus endlich verstärkt auf die kognitive Seite der Ausbildungen gerichtet. Weiterhin übersehen wird jedoch, dass auch im Bereich der Bewegungsausbildung eine grundlegende Neubearbeitung benötigt wird. (Und das nicht nur, weil aufgrund der anderen Gewichtung der Kernkompetenzen - der Kognitiven im Verhältnis zu den Bewegungskompetenzen - dann kürzerer Zeit eine Umformung des Bewegungsorganismus erreicht werden soll).

Auch Peter Selgs Arbeit zeigt, wie wenig der Punkt der Bewegungsqualität auch heute noch verstanden wird. Dabei war sie auch in historischer Hinsicht DER Zankapfel überhaupt zwischen den beiden Sektionsleiterinnen Marie Steiner und Ita Wegman, und ist es bis heute zwischen den verschiedenen mit der Heileurythmie tätigen Berufsgruppen. Peter Selg fragt, was Marie Steiner dazu bewogen haben könnte, eine eigene Ausbildung aufzubauen. Immerhin war das 1930, also Jahre vor dem definitiven Ausschluss von Ita Wegman 1935. Ich kann seine Überlegung, dass sie versuchen wollte, eine eigene Sektion aufzubauen, aus meiner eigenen Forschung weder bestätigen noch widerlegen, aber ich glaube nicht, dass das der eigentliche Faktor war. Denn aus der Korrespondenz von Marie Steiner, Elisabeth Baumann und Erna von Deventer (Korrespondenz, die Peter Selg in Teilen auch zitiert), geht eindeutig die Bestürzung hervor, wie wenig das, was von Seiten der in Arlesheim ausgebildeten Menschen ausgeführt wurde, noch einer eurythmischen Bewegung gleicht! Auch wenn heute vielfach ein Bewusstsein vorhanden ist, warum ein Eurythmist anders bewegt und bewegen sollte, und warum das eine so lange Ausbildungszeit braucht, kann die Thematik – leider auch von Eurythmieausbildern - oft nicht gut reflektiert und kognitiv erklärt werden. Auch unseren mittlerweile „alten“ Ausbilder wurden ja – wie die meisten von uns - über die Jahrzehnte andauernde Praxis, die Nachahmung der grossen Lehrer, unterrichtet. Es gibt jedoch ein unbewusstes, aber tiefverwurzeltes Unbehagen in vielen Eurythmisten, die in ihrer Bewegungsform nicht nur die esoterische Quelle des Berufs erleben, sondern darin auch den Quell für die Wirksamkeit ihrer Arbeit sehen – gerade auch der heileurythmischen Arbeit.
Nun zeigen sich in den Reaktionen auf Peter Selgs Arbeit auch eine Schwäche derselben, denn seine Darstellung kann ein Missverständnis erzeugen: daß nämlich die Heileurythmie den Pflegekräften und Heilpädagogen anvertraut worden sei, wie Dr. Ingrid Röcklein und Isabel Martin in ihrer Rezension interpretieren (4). Tatsächlich war das nur während eines verhältnismäßig kurzen Zeitraums (1925-1929) der Fall, und das aus einem bestimmten Grund: Bis zum Ende der zwanziger Jahre gab es außerhalb der Arlesheimer Klinik keine Handvoll tätiger Heileurythmisten, aber mehrere Kliniken und therapeutische Einrichtungen, die dringend bei beiden Sektionen nach Heileurythmisten anfragten. Man erlebte in Arlesheim die Kraft der Therapie und wollte sie weiter aufbauen – aber es gab niemand, der sie ausüben konnte resp. wollte, denn es bestand gerade unter den – überwiegend auf der Bühne tätigen - Eurythmisten schlicht kein Interesse an dem Beruf. Aus der erlebten Not heraus wurde dann eben dieses versucht, die Heilpädagogen oder Therapeuten entweder in einzelne Übungen für bestimmte heilpädagogisch zu betreuende Kinder einzuweisen, oder sie eben weitergehend auszubilden. Dass das nicht zum Ziel führte, merkte man in Arlesheim bald selbst, was dazu führte, daß zwischen Ita Wegman und Marie Steiner 1929 auch ohne Schwierigkeiten vereinbart werden konnte, eine 2-jährige Eurythmieausbildung voraus zu setzen.

Das Risiko besteht, das wir das Pendel nun einseitig nur in Richtung einer zu erweiternden kognitiven Ausbildung ausschlagen lassen und damit die Geschichte wiederholen, indem wir dieselben historischen Konflikte produzieren. Stattdessen müssen wir die Notwendigkeit beider Kernkompetenzen sehen und entsprechend ausbilden! Denn am Ende muss man sagen: beide Sektionsleiterinnen hatten recht, Marie Steiner und Ita Wegman. Die Konsequenz daraus ist aber schmerzlich für alle, die mit der Heileurythmie arbeiten möchten, denn sie bedeutet eine wesentliche Erweiterung des Kompetenzprofils eines jeden, der nach gegenwärtiger Ausbildungslage mit dieser spirituellen Heilmethode arbeiten möchte. Den Heileurythmisten fehlen wesentliche Kernkompetenzen im kognitiven Bereich, und den Ärzten solche in ihrem Bewegungsprofil. Diese Realisierung ist Teil der Ablehnung der jeweils anderen Position, und das auf beiden Seiten. Statt die Kompetenzprofile auf beiden Seiten jedoch weiter herunter zu schrauben und damit den Beruf weiter zu verwässern, müsste man – zumindest insofern man sich auf Rudolf Steiner berufen möchte – das Gegenteil tun und die Kernkompetenzen der Notwendigkeit gemäß eingestehen und entsprechend ausbilden. Dann gäbe es langfristig die Möglichkeit, den Beruf seinem ganzen Potential nach wirksam werden zu lassen. Darin liegt meiner Ansicht nach heute die entscheidende Aufgabe. Zur Weiterentwicklung des Berufes, im Spannungsfeld zwischen „esoterischer Bewegungskunst“ und „therapeutischer Heilmethode für den Arzt“, sind beide Aspekte notwendig und könnten zu einer Kulmination statt einer neuerlichen Spaltung der Berufsgruppen führen. Liest man Rudolf Steiner genau, wird man auch sehen, dass das in seinem Sinne war (5).  (Dass zur Ausübung der Heileurythmie eine praktische Kenntnis der Eurythmie ihrer ganzen Grundlagen nach gehört – und zwar auch für Ärzte, habe ich in meiner Arbeit anhand der chronologischen Betrachtung von Rudolf Steiners Aussagen nachgewiesen (6) )


„Esoterischer Bewegungsansatz“?

Wir kennen alle Rudolf Steiners methodischer Ansatz: „Lernen Sie empfinden“. Dieser bedarf sowohl der Entwicklung des Leibesempfindens, ein Heben und Entwickeln des inneren Gefühls- und Empfindungslebens in Haltung, Bewegung, Laut und Ton, und ein bewusstes Erfassen desselben. Das gilt zwar bereits für die Kunsteurythmie, wird in der Heileurythmie jedoch zur Notwendigkeit. Lorys Vorbereitungszeit mit den entsprechenden Übungsaufgaben von 1911 bis 1912 kann als „spirituelle Konstitutionsbildung“ verstanden werden, die auch ein bewusstes Reflektieren einschloss. Durch diese Vorbereitungszeit und spätere Methodik Steiners wurden Leiblichkeit und Bewegung so zubereitet, daß sie eine Grundlage für die Inkarnation der Logoskräfte in der Bewegung werden konnten und können (denn dadurch unterscheidet sich die Heileurythmie von der Gymnastik). In den Kunsteurythmie-Ausbildungen wurde und wird dieser Ansatz oft weder gepflegt noch verstanden, man tradiert stattdessen durch das Nachahmungsprinzip die Bewegungsqualität der Ausbildungsgründer weiter fort. Weil das so ist, gibt es auch unter vielen Kunsteurythmie-Ausbildern nur einen empfindungsmässigen Eindruck der Problematik hinsichtlich der Bewegungsqualität resp. ihres Fehlens. Aus der Eurythmie-Meditation ist zwar die Kulmination dieses Ansatzes des „lernen Sie empfinden“ bekannt, sie wird aber nicht konsequent mit dem eigenen Bewegungsempfinden als GRUNDLAGE einer wirksamen Bewegung verbunden. Man hält diese Berufsmeditation eben für eine rein im geistigen verlaufenden Meditation und nicht für einen Arbeitsaufruf.
Die Quelle dessen, worum es sich hier handelt, finden sich in dem sehr empfehlenswerten neu erschienenen Buch von Erdmut Hoerner, „Der Goetheanismus und die Wiedergewinnung der Trinität. Ein urchristlicher Impuls“ (7). In diesem findet sich das Kapitel findet „Christus, der Lehrer der reinen Wahrnehmung“. Auf diesen Quellort verweist Rudolf Steiner, wenn er Lory hinsichtlich ihrer eigenen Bewegung die Aufgabenstellung gibt: „Lernen Sie empfinden“ (8).

Von Ausbilderseite her erlebe ich bislang kein wirkliches Interesse, an diesen Themen zu arbeiten, dazu würde beispielsweise auch eine Erarbeitung der Bewegungsansätze unter Hochschulgesichtspunkten gehören (siehe dazu das entsprechende Kapitel in meinem Buch (9)). Die aktuelle Entwicklung bereitet mir die Sorge, dass wir in der Aussenwelt einen Fehler wiederholen, der wieder zu denselben, aus der Historie nun bekannten Auseinandersetzungen führen wird, weil wir unsere Quellen nicht mehr kennen.

Was können wir tun? In der Eurythmie gibt es unterschiedliche Strömungen und Bewegungsansätze, die auf die verschiedenen Ausbildungen zurück gehen. Meine Idee ist, mit Kollegen, die einen eigenen und bewussten Umgang mit dieser Thematik pflegen, die die Notwendigkeit der Thematik sehen und daran Interesse haben, zu versuchen, diesen Punkt der Bewegungsesoterik in den Mittelpunkt der Betrachtung zu stellen. Der Kreis könnte versuchen, sich in einem ersten Schritt gegenseitig die jeweils eigene Arbeitsmethodik nahe zu bringen. Man darf hoffen, dass der Versuch, sich auf diese Bewegungsesoterik zu richten, ein neues verbindendes Element zwischen den divergierenden Ansichtsparteien sein kann, und zwischen denen, die auf diesem Feld suchen, auch zu einer Überwindung oder zumindest zur Toleranz der aktuell bestehenden Gegensätze führen könnte. Sollte eine solche keimhafte Arbeit zu Stande kommen, könnten die Ergebnisse dann in einem größeren Rahmen vorgestellt werden. (Wer sich hier angesprochen fühlt, möge doch bitte mit mir Kontakt aufnehmen).

Auf der kommenden Jahrestagung des Berufsverbandes in Dortmund werde ich mich in der morgendlichen Arbeitsgruppe zusammen mit den Teilnehmern mit dieser Fragestellung weiter beschäftigen.

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(1) Rundbrief des Berufsverbandes Heileurythmie, November 2018, S. 38-43
(2) Rundbrief des Berufsverbandes Heileurythmie, November 2018, S. 19
(3)   Mehr dazu auf der Website der Heileurythmieausbildung Aesch: http://heileurythmie-ausbildung.ch/ausbildung-grundstaendig/
(4)  Dr. Ingrid Röcklein, Isabel Martin, Der Kampf um die Heileurythmie – Rezension – . Rundbrief des Berufsverbandes Heileurythmie, November 2018, S. 47-48
(5)  Beatrix Hachtel, Heileurythmie als Geisteswissenschaft, Berlin 2017, S. 289 – 297
(6)   Beatrix Hachtel, Heileurythmie als Geisteswissenschaft, Berlin 2017, S. 296f
(7)  Erdmut-Michael Hoerner, Der Goetheanismus und die Wiedergewinnung der Trinität. Ein urchristlicher Impuls. 1. Auflage 2018 , ISBN 978-3-8251-5103-4, Verlag Urachhaus
(8)  Umfangreich wurde dieser Aspekt in dem Kapitel „Elisabeth Baumann und die Anfänge der Eurythmie“ ausgearbeitet. Beatrix Hachtel, Heileurythmie als Geisteswissenschaft, Berlin 2017, S. 25-60
(9)   Beatrix Hachtel, Heileurythmie als Geisteswissenschaft, Berlin 2017, S. 398-409





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